Blockchains können Versicherungen revolutionieren

Blockchains können Versicherungen revolutionieren

Wenn Handelsmanager heute nach technischen Innovationen für ihre Branche suchen, richtet sich der Blick nach China. Unter dem Schlagwort “New Retail” setzt dort der Konzern Alibaba Maßstäbe bei Service und Technologie. Der starke Finanzarm von Alibaba ist der Bezahldienst Alipay. Damit können chinesische Kunden auch in immer mehr Geschäften in Deutschland einkaufen. Weniger bekannt ist dabei die eher dunkle Seite des Fintechs.

Blockchains kennt man hauptsächlich aus dem Finanzsektor – das prominenteste Beispiel ist die Kryptowährung Bitcoin. Diese innovative Technologie hat das Potenzial, andere Branchen massiv zu verändern, etwa die Versicherungsbranche. Sie kann neue Geschäftsfelder eröffnen, Transaktionskosten senken und Prozesse effizienter machen. Die Blockchain ist vor allem für Anwendungsfälle mit hohem Datenaufkommen interessant. Wenn mehrere Parteien regelmäßig untereinander verifizierbar Daten austauschen und die Transaktionen verschiedener Teilnehmer voneinander abhängen, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Blockchain-Technologie.

Blockchains haben das Potenzial, die Versicherungswelt zu revolutionieren. Ihr technologisches Potenzial ermöglicht es, vollständig digitale, transparente sowie sichere neue Geschäftsmodelle für schnelle Interaktionen zwischen vielen Akteuren abzubilden. Mit Blockchains können Versicherer die Preisgestaltung und Leistungserstellung vereinfachen und beschleunigen, die Echtheit von Waren und Dokumenten ermitteln sowie eine Historie von betrügerischen Handlungen einer Person nachvollziehen.

Blockchains: Mehrwert für Versicherungen

Der Mehrwert von Blockchains kommt vor allem dann zum Tragen, wenn Partner direkt und ohne Dritte als zentrale Instanz auskommen möchten. Denn zwei einander Unbekannte können darauf vertrauen, dass Einträge in der Blockchain kryptographisch gesichert und unveränderlich sind. Das bietet der Versicherungswirtschaft viele Anwendungsfälle – vom Antragsprozess über die Policierung bis hin zur Schadenabwicklung.

Blockchains können dazu genutzt werden, Zahlungsverkehr abzuwickeln, den Versicherungsschutz zu verwalten, Dokumente und Identitäten zu beglaubigen oder Smart Contracts zu implementieren. Computerprotokolle bilden vertragliche Regelungen technisch so ab, dass Vertragsklauseln teilweise oder vollständig selbständig ausführbar sind.

Marktvorteile durch neues Kunden-Vertrauen

Das entscheidende Plus der Blockchain-Technologie ist Vertrauen. Durch die Transparenz und Verbindlichkeit der Transaktionen können Kunden in die Datensicherheit bei Versicherungen vertrauen. Das gilt sowohl für interne digitalisierte Prozesse bei den Versicherern, also etwa der Umgang mit sensiblen Kundendaten, als auch für beispielsweise Kunden-Apps mit völlig neuen Funktionen auf Smartphones. Das können beispielsweise App-basierte In- und Exkassofunktionalitäten sein, wie TWINT, WeChatPay oder Alipay oder in der Zukunft auch Verbindungen zwischen Krankenversicherern und digitalisierten Patientenakten. Es ist abzusehen, dass Kunden Versicherungs-Apps – etwa zur Datenselbstverwaltung –, die auf Blockchain basieren, eher nutzen werden. Dadurch können innovative Anbieter Marktvorteile gewinnen.

Die Vorteile der Blockchain

Die Blockchain ist eine Art verteilte Datenbank. Der Unterschied zu traditionellen Datenbanken besteht hauptsächlich hierin:

  • Reduktion: Die Blockchain ermöglicht es mehreren Parteien, gemeinsam eine Datenbank zu verwenden, ohne einer dritten, zentralen Instanz vertrauen zu müssen.
  • Nachvollziehbarkeit: In der Blockchain können Einträge nicht geändert oder gelöscht werden. Fehler können durch neue Transaktionen behoben werden. Jede neue Transaktion ist nachvollziehbar.
  • Transparenz: Alle Teilnehmer der Blockchain können die Transaktionen sehen und nachvollziehen. Jede neue Transaktion wird von den Rechnern des Netzwerks authentifiziert, bevor sie als neuer Block an die Kette angehängt wird.
  • Tempo: Änderungen der Blockchain sind unmittelbar von allen Teilnehmern einsehbar („real time“).

Insurtechs erschließen bereits neue Märkte

Blockchains haben das Potenzial, die Wertschöpfungskette der Versicherungswirtschaft aufzubrechen. Visionäre Insurtechs setzen bereits darauf und entwickeln neue Produkte und erschließen neue Märkte. Ein Beispiel dafür sind dynamische Versicherungen für Carsharing, die an das Fahrverhalten und den Fahrer gekoppelt sind. Autovermieter überprüfen mittels Fahrzeugelektronik vor dem Motorstart, ob ein unterschriebener Mietvertrag und Versicherungsschutz vorliegen. Etwaige Zahlungen für spontan abgeschlossene Versicherungsverträge werden in Echtzeit über eine Blockchain abgewickelt. Ebenso könnten sich Menschen – ohne entsprechenden Mittler – direkt zu Versicherungsgemeinschaften zusammenschließen. Auf diese Weise wäre es möglich, bislang nicht-versicherbare Risiken, wie etwa Wildschäden von Jagdpächtern, zu versichern.

Beglaubigung der Herkunft
Das britische Start-Up Everledger dokumentiert mittels Blockchain die Herkunft von Luxusgütern. Im Falle von Diamanten etwa werden Parameter, wie die Seriennummer, das Gewicht und der Schliff, in einer öffentlichen Blockchain unabänderlich festgehalten. Daten zu seinem Besitzer werden in einer privaten Blockchain gespeichert. Dieser Hybrid-Ansatz vereint die hohe Sicherheit einer öffentlichen Blockchain mit den für Geschäftsanwendungen nötigen Zugangskontrollen einer privaten. Denkbar ist dieser Ansatz auch für andere Güter mit Seriennummern. Für Versicherer ist dies besonders interessant. Bei Diebstahl oder Verlust geht die Ware nach Auszahlung der Versicherungssumme in den Besitz der Versicherungsgesellschaft über. Man kann folglich das Gut kein zweites Mal versichern und erneut als verloren oder gestohlen melden. Auktionshäuser, Online-Marktplätze, Polizeien oder Interpol können auf die Daten zugreifen. Der Handel mit Konfliktdiamanten und Waren zweifelhafter Herkunft wird eingedämmt und den Versicherungskunden könnten niedrigere Prämien angeboten werden. Während Echtheitszertifikate verloren gehen können, sind die hinterlegten Daten gegen Ausfall gesichert.
Smart Contracts und Katastrophen-Anleihen
Versicherungsverbriefungen wie Katastrophenanleihen und -Swaps sind Finanzinstrumente, deren Wert von Schadensereignissen abhängt. Auf diese Weise können Versicherungen Teile ihrer Versicherungsrisiken auf den Kapitalmarkt übertragen und sich refinanzieren. Zum Beispiel erhalten die Käufer einer Erdbebenanleihe regelmäßig Couponzahlungen und bei Fälligkeit ihre Investitionssumme zurück. Tritt jedoch ein Erdbeben ein, so verlieren die Investoren teilweise oder vollständig ihre Investitionssumme. Die Daten über Ort, Zeit und Stärke des Bebens werden von einem Drittanbieter geliefert. Da hier mehrere Parteien über längere Zeiträume nach festen Regeln Zahlungen und Informationen austauschen, können Smart Contracts auf Basis einer Blockchain diese automatisieren. Dies vereinfacht und beschleunigt die Transaktionen zwischen Versicherern und Risikoträgern. Auch deren Nachvollziehbarkeit wird erhöht. Insgesamt verbessert sich die Handelbarkeit solcher Produkte. Die Allianz Risk Transfer AG hat in Kooperation mit Nephila Capital Limited ein Pilotprojekt mit Naturkatastrophen-Swaps auf der Basis einer Blockchain beendet. Dabei konnte die manuelle Eingabe, Authentifikation und Verifikation durch Intermediäre reduziert werden. Durch das Entfernen von menschlichen Interventionen konnten so Zeitverzögerungen und Fehleingaben aus dem Risikotransferprozess entfernt werden.
P2P-Claimshandling
Dynamis ist eine als DApp konzipierte private Arbeitslosenversicherung auf Gegenseitigkeit. Die Schadenbearbeitung wird vollständig von den Versicherten übernommen. Es handelt sich um ein Peer-to-Peer-Modell in Reinform, da hier keine dritte Partei mehr nötig ist. Die Versicherungsnehmer sind gleichzeitig Teilhaber und dazu berechtigt, überschüssige Prämien als Dividenden zurückzuerhalten sowie über die Unternehmensführung abzustimmen. Beispielsweise versichert sich ein Arbeitnehmer selbst und zahlt die Prämie in der Kryptowährung Ether in die DApp ein. Wird er nach frühestens sechs Monaten arbeitslos, so erhält er Zahlungen. Zum Schadenmanagement wird das soziale Netzwerk LinkedIn benutzt, um den Arbeitslosenstatus zu überprüfen. Dazu müssen alle Versicherungsnehmer Mitglieder dieses sozialen Netzwerks sein und etwa 20 Minuten pro Woche als Evaluatoren bei der Schadenprüfung mithelfen oder sich freikaufen. Diese Mitglieder bilden eine Art Genossenschaft, in der sie Schäden bearbeiten, als Kontrollsystem zur Identitätsüberprüfung dienen und als Miteigentümer Anreize zur Prävention und Minderung von Schäden haben. Die Schadenforderungen haben einen relativ geringen Wert und werden nicht auf einmal, sondern monatlich ausgezahlt. Dies verringert den Anreiz zum Betrug. Im Gegensatz zu Gesundheits- oder Unfalldaten sind die relevanten Informationen über den Beschäftigungsstatus, die in der Blockchain gespeichert werden, unkritischer, da sie ohnehin auf LinkedIn veröffentlicht sind.

Herausforderungen bei der Blockchain

Damit die Blockchain-Technologie eingesetzt werden kann, müssen Anwendungsfälle fachlich und technisch vollständig definiert werden. Derzeit fehlt noch beispielsweise der regulatorische Rahmen, der einer Blockchain und damit den in ihr enthaltenen Informationen Rechtsfähigkeit verleiht. Somit liegt die Herausforderung, wie so oft, vorerst darin, Chancen und Risiken schnell zu erkennen und individuell abzuwägen.

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