Die seltsame Begeisterung des deutschen Handels für Alipay

Die seltsame Begeisterung des deutschen Handels für Alipay

Wenn Handelsmanager heute nach technischen Innovationen für ihre Branche suchen, richtet sich der Blick nach China. Unter dem Schlagwort “New Retail” setzt dort der Konzern Alibaba Maßstäbe bei Service und Technologie. Der starke Finanzarm von Alibaba ist der Bezahldienst Alipay. Damit können chinesische Kunden auch in immer mehr Geschäften in Deutschland einkaufen. Weniger bekannt ist dabei die eher dunkle Seite des Fintechs.

Wenn Handelsmanager heute nach technischen Innovationen für ihre Branche suchen, richtet sich der Blick nach China. Unter dem Schlagwort “New Retail” setzt dort der Konzern Alibaba Maßstäbe bei Service und Technologie. Der starke Finanzarm von Alibaba ist der Bezahldienst Alipay. Damit können chinesische Kunden auch in immer mehr Geschäften in Deutschland einkaufen. Weniger bekannt ist dabei die eher dunkle Seite des Fintechs.

Es klingt in den Pressemitteilungen deutscher Handelsketten schon etwas Stolz mit, wenn die Akzeptanz von Alipay mitgeteilt wird. Der Modehändler Breuninger etwa akzeptiert seit Juli das Zahlungsmittel in seinen Geschäften. So können kaufkräftige Touristen aus China dann mit ihrem bevorzugten Zahlungsmittel auch in Deutschland einkaufen. Alipay klingt ein wenig nach Paypal, wird also auch ähnlich sein; denkt sich der Europäer, aber irrt. Denn Alipay besitzt eine Seite, die zumindest nach westlichen Wertvorstellungen zumindest fragwürdig ist.

Zahlen per Gesichtserkennung und einem Lächeln

Alibaba versucht den Kunden ein nahtloses Einkaufserlebnis zwischen stationärem Handel und Online-Welt zu verschaffen. Wer in den Superstores der Lebensmittelkette Hema einkauft, sieht sich die Waren vor Ort an, kann sie aber ganz bequem mit dem Smartphone bestellen. In einem Umkreis von wenigen Kilometern wird die Bestellung dann binnen 30 Minuten ins Haus gebracht. Das ist logistisch beeindruckend, keine Frage. Gezahlt wird hier vorzugsweise per Alipay. Und testweise kann die Zahlung bereits an einem Terminal per Gesichtserkennung autorisiert werden.

Dazu muss natürlich eine Referenzaufnahme vorhanden sein. Und die kann der Kunde in der Alipay-App hinterlegen. Und um an ein Benutzerkonto von Alipay zu gelangen, muss der Kunde nicht nur seine Mobilfunknummer angeben, sondern auch seinen Ausweis kopieren. Wo in Deutschland Datenschützer aufschreien würden, stört dies in China niemanden. Wie Chinakenner Richard Kelly (Chief Catalyst der Fung Academy) auf der 68. Internationalen Handelstagung des GDI in Zürich sagte: „Die Chinesen sorgen sich nicht um ihre Privatsphäre. Sie wissen aus Erfahrung, dass es diese nicht gibt.“

Das trügerisch freundliche Antlitz Chinas

Alibaba und Alipay, das vom Fintech-Arm des Konzerns, dem Unternehmen Ant Financial betrieben wird, sorgen für viele Schlagzeilen in Deutschland. Gern wird dabei übersehen, dass China zwar zu einer globalen Wirtschaftsmacht geworden ist, aber weit davon entfernt ist, seinen Bürgern freiheitlich-demokratische Rechte einzuräumen. Und Alibaba und Alipay sind ein Teil dieses repressiven Staates.

Im Mai hat China damit begonnen, ein „Social-Credit-System“ einzuführen. Bis zum Jahr 2020 soll damit jeder Mensch chinesischer Nationalität erfasst werden. Das klingt in westlichen Ohren vertraut und erinnert ein bisschen an die Schufa. Im Kern hat es damit aber nichts zu tun. Es ist eine Bewertungsskala, die das Wohlverhalten eines Staatsangehörigen misst. Nackte Zahlen werden über das Schicksal von Menschen entscheiden, über persönliches und berufliches Fortkommen. Und Alibaba mischt hier kräftig mit. Denn das neue Bewertungssystem speist sich aus einem riesigen Datentopf. Und Alibaba liefert kräftig zu.

Alipay weiß alles

Ant Financial nutzt intern ein Kredit-Scoring-System mit dem Namen “Sesame Credit”. Es verknüpft Daten von Alibaba-Dienstleistungen und gibt diese Punktzahlen an staatliche Behörden weiter. Und dabei geht es nicht nur um wirtschaftliche Daten, sondern auch das Verhalten, Gewohnheiten und auch medizinische Informationen.

In den USA und Europa haben sich die Menschen daran gewöhnt, dass Facebook weiß, für welche Themen sich die Nutzer interessieren, auch welche Produkte sie gekauft haben. Uber weiß, wohin Kunden bevorzugt fahren. Kreditkartengesellschaften können anhand der Umsätze sehen, was sich die Kunden leisten. Wer sich vorstellt, dass ein Unternehmen alle diese Informationen besitzt und noch mehr, braucht sich nicht einmal besonders für das Thema Datenschutz zu interessieren, um hier zumindest gemischte Gefühle zu haben.

Alipay ist also mehr als ein reiner Bezahldienst. Das Unternehmen ist ein wichtiger Baustein im Gefüge des chinesischen Machtapparats. Ein Aspekt, der in Deutschland und Europa kaum diskutiert wird, obwohl er im Kern den Ethik-Richtlinien vieler Firmen hierzulande widerspricht.

Share This